Auf die eigenen Stärken setzen

Haßfurter Tagblatt

Der Landkreis und seine Zukunft – Das HT sprach mit MdEP Anja Weisgerber
Hassfurt: Welche Perspektiven hat ein ländlich strukturierter Raum wie der Landkreis Haßberge inmitten eines Europa, das seine Zukunft vor allem in wirtschaftsstarken Großräumen, den so genannten Metropolregionen zu sehen scheint? Das wollte die Heimatzeitung von Dr. Anja Weisgerber wissen, die seit dem vergangenen Juli als Europaabgeordnete Unterfranken in Brüssel vertritt und sich als „Anwältin ihrer Heimat“ versteht.
„Wir, die CSU im Europäischen Parlament, stehen ganz klar zu einem Europa der Regionen, das dieses Thema auch finanziell ernst nimmt und den ländlichen Regionen Chancen bietet,“ sagt Weisgerber. Dazu sei es aber notwendig, die jeweils eigenen Stärken zu erkennen, Schwerpunkte zu setzen und gezielt zu fördern. „und der Landkreis Haßberge tut bereits viel, um sein Profil mit Hilfe der EU zu schärfen – man denke nur an das Projekt Synagoge Memmelsdorf, für das erst vor kurzem rund 120 000 Euro aus dem Leader-Programm der EU geflossen sind. Hier hat die Leader-Aktionsgruppe Haßberge einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Profil des Landkreises geleistet“, erinnert sich die Abgeordnete. Allerdings, so Weisgerber, „hat der Landkreis Haßberge als Teil der Chancen-Region Mainfranken auch noch viel Entwicklungspotential, das es zu nutzen gilt“. So gehe es darum, weiter gemeinsam anzupacken, um Steigerwald, Mittelmain und Haßberge bekannt zu machen und den wirtschaftlichen Erfolgsweg zu ebnen. Weisgerber sieht da Parallelen zu ihrem Heimatlandkreis Schweinfurt: „Viele Menschen hatten auch da lange ein unvollständiges, einseitiges Bild der Stadt als Industrieregion.“ Inzwischen habe man das Potenzial als Wirtschaftskultur- und Lebensraum neu entdeckt und sei dabei, es zu entwickeln. Wie unterschiedlich die Voraussetzungen in Unterfranken sind, zeigt Weisgerber an den Beispielen der Kurstadt Bad Kissingen und Würzburg, das als Universitätsstadt seit Jahrhunderten bekannt sei. „Die Chancen-Region Mainfranken wird sich da in vielen Dingen noch einen Namen machen – als Standort mit besten Verkehrsanbindungen im Herzen Europas, mit führenden Hochschulen und Forschungsinstituten und mit weltmarktführenden Unternehmen in der Fahrzeugindustrie, im Maschinenbau und der Medizintechnik sowie dem Prädikat, eine der zehn größten High-Tech-Regionen Europas zu sein.“ Als Randregion sei der Landkreis Haßberge jedoch besonders gefordert, um sich angesichts der entstehenden Metropolregion Nürnberg - sie reicht aller Wahrscheinlichkeit nach bis Bamberg – zu profilieren. Wie sich dieser Großraum, der zusammen mit weiteren sieben bis acht Metropolregionen dazu beitragen soll, Deutschlands Konkurrenzfähigkeit auf internationaler Ebene zu erhalten, auf Haßfurt, Hofheim, Ebern, Zeil oder Eltmann auswirken wird, ist, so Weisgerber, noch nicht abzusehen. Werden immer mehr Arbeitskräfte, Kaufkraft, Unternehmen, Behörden, Bildungs- und Infrastruktureinrichtungen zu den großen Nachbarn gesaugt oder kann der Heimatkreis auf den Zug Metropolregion aufspringen und – wie auch immer – davon profitieren? Sicher, so Weisgerber, sei dies nicht, „doch wenn wir jetzt anpacken und die Weichen richtig stellen, sind unsere Chancen gut.“
Als Europaabgeordnete wird sie deshalb nicht müde, die Notwendigkeit der Profilbildung und der selbstbewussten Vermarktung zu betonen: „Ländliche Regionen haben ihre Chancen – ich nenne exemplarisch das Hervorheben des Tourismus-Gedanken, die Vermarktung von ländlichen Produkten, aber auch das Angebot an Unternehmen, sich auf der grünen Wiese anzusiedeln, wie dies ja dank der kompetenten Wirtschaftsförderung im Landkreis Haßberge ganz hervorragend funktioniert“, führt die 28jährige CSU-Politikerin an. Ohnehin dürfe man nicht glauben, dass nur die großen Ballungszentren lukrative Standorte für Industrie und Gewerbe seien. Gerade die im Haßbergkreis ansässigen Global Players Fränkische Rohrwerke und Uponor bewiesen ja das Gegenteil. „Man muss nicht in Frankfurt oder Nürnberg sein, um produzieren zu können“, weiß Anja Weisgerber. Das Bemühen, Zukunftsstrategien zu entwickeln, dürfe aber nicht zwangsläufig an Gemeinde-, Landkreis- oder Bezirksgrenzen enden, meint sie. „Wenn es in Rhön-Grabfeld in manchen Bereichen ganz ähnliche Voraussetzungen gibt, warum sollten die beiden Landkreise dann nicht zusammenarbeiten?“
Ansonsten rät die Europaabgeordnete, alle nur erdenklichen Fördertöpfe der EU zu nutzen. Zwar sei der Landkreis Haßberge kein „Ziel-2-Gebiet“, falle also nicht in die Kategorie der Gebiete mit Strukturproblemen (wie etwa die benachbarte Stadt Schweinfurt), doch könne der Heimatkreis dennoch aus den Strukturfonds wie ESF (Sozialfonds), EFRE (Fonds für regionale Entwicklung) oder EAGFL (Ausgleichs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft) schöpfen, um etwa Maßnahmen zur Modernisierung des Bildungs- und Ausbildungswesens sowie der Beschäftigungspolitik zu fördern.
Darüber hinaus könne der Landkreis in den Genuss von Fördermitteln aus den Gemeinschaftsinitiativen EQUAL (unterstützt Aktionen im Kampf gegen Ungleichheiten und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt), LEADER+ (Entwicklung innovativer Strategien für eine dauerhafte Entwicklung des ländlichen Raums) und INTERREG kommen. „INTERREG unterstützt den Aufbau grenzüberschreitender Partnerschaften“, verdeutlicht Anja Weisgerber. „Im Hinblick auf die geschehene Erweiterung der EU dürfte die Zusammenarbeit mit Regionen in den Beitrittsländern auch für den Landkreis Haßberge interessant sein. Dass die Kooperation mit Frankreich oder Schweden gut funktioniert, habe ich bei der Partnerschaftskonferenz in Haßfurt miterlebt. Mit Sicherheit lassen sich auch interessante Partner in den neuen, mitteleuropäischen Mitgliedsstaaten finden“, wünscht sich die Abgeordnete. Weisgerber macht darauf aufmerksam, dass mit der neuen Förderperiode der EU von 2007 bis 2013 flexiblere Instrumente eingeführt werden, von der auch der Landkreis profitiert. „Es geht jetzt vor allem um den Wettbewerb der Ideen – und dabei ist der Landkreis Haßberge schon jetzt gut aufgestellt – das hat auch die Partnerschaftskonferenz mit Vertretern aus Schweden, Italien und Frankreich gezeigt, bei der sie sich in meinem Beisein intensiv der Förderthematik gewidmet haben“. Ab 2007 wird die starre Einteilung in Ziel-Gebiete durch so genannte Prioritäten ersetzt. Höchste Priorität habe nach dem Vorschlag der EU-Kommission die so genannte Konvergenz, sprich, der Aufbau jener Regionen, deren Bruttoinlandsprodukt unter 25 Prozent des EU-Durchschnitts liegen. Interessant für den Landkreis Haßberge sei vor allem die zweite Priorität, bei der es um regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung gehe. „Grundsätzlich können sich so alle Regionen um eine Förderung im Rahmen dieser Priorität bewerben, und das wird auch von uns im Europäischen Parlament ausdrücklich begrüßt. Für den Landkreis Haßberge wird die europäische Förderung damit hoffentlich flexibler und noch effektiver.“
Da für Bürger, Unternehmer, Politiker oder Vertreter von Verbänden die Förderpolitik der EU gerade im Hinblick auf die bevorstehenden Änderungen schwer zu durchschauen ist, hat sich die junge Abgeordnete ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie will innerhalb eines halben Jahres eine „Förderfibel für die Region“ herausgeben, die genau aufführt, wer hier in den Genuss welcher Unterstützung kommen kann. Mehrere Monate werden vergehen, bis Weisgerber und ihre Mitarbeiter alle Informationen beisammen haben, die sie brauchen, dann soll das Werk möglichst in Druck gehen und ins Internet gestellt werden.
Überhaupt setzt sich die Schwebheimerin, die nun auf 150 Tage in Europaparlament zurückblickt, dafür ein, Europa (AG Europa) als überparteilichen Zusammenschluss vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Bildung gegründet, die zweimal im Jahr die Auswirkungen europäischer Gesetze auf den Regierungsbezirk Unterranken diskutieren. Hier gehe es um den Informationsaustausch zwischen Bürgern, Interessenvertretern und Europaabgeordneten, erläutert Weisgerber. Bereits behandelt wurden Themen wie die Folgen der Zuckermarktordnung für die fränkische Landwirtschaft oder Konsequenzen vor Ort aus der EU-Arbeitszeitrichtlinien. „Und es geht uns auch darum, möglichst viele Fördergelder aus den Geldtöpfen der EU für Firmen und Bildungseinrichtungen nach Unterfranken zu bekommen“, sagt Anja Weisgerber. Wovon wiederum der Heimatkreis profitieren könnte.

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