Eine Anwältin Frankens

Fränkischer Tag, 25. Januar 2008

Porträt
Die 31-jährige Anja Weisgerber ist eine der jüngsten Abgeordneten im Europa-Parlament und ein Organisationstalent.

Brüssel. Still sitzen ist nicht ihr Ding. Im linken Arm fünf Postmappen, in der rechten Hand ein Rollköfferchen hinter sich her ziehend, eilt Anja Weisgerber durch die Gänge des Brüsseler Europa-Parlaments. Schnell in den Aufzug, rasch vorbei an plaudernden Kollegen und staunenden Besuchergruppen: Die 31-Jährige ist auf dem Weg zu ihrem Hauptausschuss, dem für Umwelt, Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Dort spricht heute die slowenische Gesundheitsministerin – ein Ereignis, das sie auf keinen Fall verpassen will.
Mehrere Kilometer legt sie so jeden Tag zurück: Vom Büro zur nächsten Ausschusssitzung, wieder zurück ins Büro und ab zum Treffen mit der EVP-Fraktion. Immer mit dabei: ihr metallisch schimmernder Rollkoffer. Darin transportiert die Schwebheimerin ihre Akten. „Der Trolley ist mittlerweile mein Markenzeichen“, sagt Anja Weisgerber. Seit sie die Unterlagen nicht mehr im Rucksack schleppe, seien auch die Rückenschmerzen verschwunden, fügt sie hinzu.
Dass einem bei diesem Arbeitspensum mal der Rücken weh tut, ist kein Wunder. Momentan erstellt sie einen Bericht zum Thema Wasserstoff-Autos, die in der EU bald zugelassen werden sollen. Und während sich andere Abgeordnete mit einem Ausschuss begnügen, arbeitet die CSU-Politikerin gleich in drei. Neben dem für Umwelt, in dem sie als einzige bayerische Abgeordnete dabei ist, sitzt sie noch in den Ausschüssen für Binnenmarkt und Soziales. Außerdem ist sie Sprecherin für Umwelt-, Gesundheits- und Sportpolitik innerhalb der CSU-Europagruppe. Hinzu kommt die Pendelei zwischen Brüssel, Straßburg und ihrem Wahlkreisbüro in Schwebheim.
Da am 2.März Kommunalwahlen stattfinden und Anja Weisgerber für den Kreistag kandidiert, sind ihre Wochenenden momentan mit Wahlkampfveranstaltungen belegt. Bei ihrer Arbeit im Europa-Parlament verliert sie nie den Blick für die Heimat. „Mir ist wichtig, im Parlament als Anwältin Ober- und Unterfrankens tätig sein“, sagt die promovierte Juristin. Dass sie es geschafft hat im Zuge der Weinmarktreform im Dezember 2007 den Bocksbeutel zu schützen, ist ihrer Beharrlichkeit und unzähligen Arbeitsstunden zu verdanken. „Ich habe die zuständige Kommissarin direkt mit der Bocksbeutelflasche konfrontiert. Außerdem habe ich mit Henning Arp, dem Vertreter der Europäischen Kommission in München, die fränkischen Weinberge besucht“, lüftet Anja Weisgerber ihre Erfolgsstrategie.
Die Heimat ist ihr wichtig: Ober- und Unterfranken sollen auch vom europäischen Fördertopf profitieren. Deshalb hilft sie den Regionen, Anträge zu stellen. Gleichzeitig hat die Abgeordnete zwei Leitfäden veröffentlicht, in denen genau erklärt wird, welche Fördermöglichkeiten es in der EU gibt.
Gerade einmal 28 Jahre alt war die Bayerin, als sie 2004 ins Europa-Parlament einzog. An ihren ersten Arbeitstag erinnert sie sich noch genau. Da gab es zwar ein nettes Empfangskomitee, doch wie die Arbeit in den Ausschüssen oder das Abstimmungsprozedere funktionierte, erklärte keiner. Da war Eigeninitiative gefragt. Doch im Organisieren war Anja Weisgerber schon immer gut. Heute ist sie stolz auf ihr modernes Bürosystem. Alle Dokumente landen auf einem Server, den ihre Assistenten in Brüssel, Straßburg und Schwebheim füttern können. Das Organisationstalent hilft ihr auch im stressigen Alltag. Da sie an drei Orten gleichzeitig lebt, hat sie längst ihre eigene Kofferpack-Strategie entwickelt. Blaue oder braune Woche: „Kleidung, Schmuck und Schuhe habe ich immer genau zueinander passend für eine Woche.“
Immer gut vorbereitet Dass sie eine der jüngsten Abgeordneten im Parlament ist, empfindet die 31-Jährige als Herausforderung. „Hin und wieder werde ich gefragt, wessen Assistentin ich denn sei“, erzählt sie. Doch unterschätzen sollte man Anja Weisgerber lieber nicht. Sie verschafft sich Respekt, indem sie noch mehr arbeitet und immer gut vorbereitet ist. „Wenn ich etwas mache, dann richtig“, sagt sie. Aufgeben kommt nicht in Frage – eine Einstellung, die sie sich als Leistungssportlerin aneignete: Anja Weisgerber ist mehrmalige Bayerische Meisterin im Tennis.
Heute kommt sie nach einem 14-Stunden-Tag kaum noch zum Tennisspielen, obwohl sie in Kitzingen sogar gemeldet ist.

Hanna Roth

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