Viel Arbeit, viel Ausdauer, viel vor

Die Kitzinger, 3. Mai 2008

Viel Arbeit, viel Ausdauer, viel vor

Dr. Anja Weisgerber ist von der wachsenden Bedeutung Europas und von ihrer Arbeit überzeugt

Bildunterschrift: Rückzugs- und Besprechungsmöglichkeit auf bescheidenen 14 Quadratmetern. Jedem Europaabgeordnetem steht im Straßburger Büroturm ein sehr begrenzter Raum zur Verfügung. Mit ihren Mitarbeitern Christian Orschler und Stefan Solle bespricht Dr. Weisgerber den Tagesablauf und recherchiert Themen von A wie Außenhandel bis Z wie Zuwanderung.

LANDKREIS KT/STRASSBURG. „Ich glaube, jetzt werde ich doch langsam müde." Es ist Dienstagabend, 22.45 Uhr. Hinter Dr. Anja Weisgerber liegen mehr als 16 Stunden Arbeit. Ein normaler Tag im Berufsleben der Europaabgeordneten.
Zwölf Wochen im Jahr herrscht im beschaulichen Straßburg Ausnahmezustand. Hotelzimmer sind ausgebucht, Taxis schwer zu bekommen. 785 Europaabgeordnete aus 27 Mitgliedsstaaten versammeln sich in den modernen Gebäuden am Ufer der Ill, verhandeln, diskutieren, stimmen ab. Die Zukunft Europas wird längst nicht mehr in den Nationalstaaten entschieden. Rund 80 Prozent der maßgeblichen Gesetze werden in Brüssel und Straßburg auf den Weg gebracht. Eine der Wegbereiterinnen ist die 32-Jährige aus Schwebheim bei Schweinfurt.
Wenn sich die Touristen in ihren Betten noch einmal gemütlich umdrehen, sitzt die promovierte Juristin schon längst über ihren Akten. Aufstehen um 6 Uhr, ein kurzes Frühstück und ab geht's ins Europaparlament.
14 Quadratmeter stehen jedem Europaabgeordneten im runden Büroturm zur Verfügung. Zwei Schreibtische, zwei Computer, Faxgerät, eine Kaffee-Maschine, eine Liege für die kurzen Momente des Verschnaufens: Ihre beiden Mitarbeiter Christian Orschler und Stefan Solle sowie eine Praktikantin müssen sich in dieser Enge zurechtfinden, die Sitzungsthemen vorbereiten, recherchieren, Pressemitteilungen verfassen. Die Themen sind so vielfältig, anspruchsvoll und modern wie das Leben in Europa.
Die Vorbesprechung auf den Arbeitstag ist abgeschlossen, Dr. Anja Weisgerber läuft zum Innenhof, heißt dort eine von vier Besuchergruppen willkommen, die in den kommenden drei Tagen das Europaparlament und ihre Abgeordnete sehen wollen. Das Interesse ist groß und nimmt von Jahr zu Jahr zu. 80 Gruppen mit durchschnittlich 50 Personen werden alleine aus dem Wahlkreis der unterfränkischen Abgeordneten durch die Hallen, Gänge und ins Oval des Plenums geführt. Die entscheidenden Sitzungen und Gespräche laufen aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. So wie im Saal S.1.4, in dem sich jetzt die Mitglieder des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit der EVP-ED versammeln. Themen unter anderem: Pflanzen- und Gewässerschutz, Lebensmittelkennzeichnung, Ernährung und Bewegungsmangel bei Kindern. Dr. Anja Weisgerber sitzt in der ersten Reihe des großen Saales, lauscht den einführenden Worten des Vorsitzenden, den Beiträgen ihrer Kollegen und bringt ihre Meinung ein. Kurz und präzise sind die Beiträge, denn die Zeit ist trotz eines 16-Stunden-Tages knapp. „Das Entscheidende passiert in diesen Sitzungen", sagt sie später. „Hier werden die grundlegenden Positionen abgestimmt." Mit ihren 288 Abgeordneten stellen die Konservativen der EVP-ED die größte Fraktion im Europaparlament. Eine Mehrheit bekommen sie aber nur mit der Hilfe anderer Fraktionen zustande. „Es ist ein demokratischer Prozess in seiner reinsten Form", sagt die 32-Jährige.
In drei Ausschüssen ist die Schwebheimerin tätig. Neben dem Umweltausschuss arbeitet sie im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten und im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz mit. Letzterer tagt zwei Stockwerke höher und Dr. Weisgerber macht sich mit ihrem silberglänzenden Rollkoffer auf den Weg. Die Lifte sind zu voll, keine Zeit zum Warten. Rollkoffer gepackt und hoch die Treppen, zwei Stufen auf einmal. Ihr zu folgen ist nicht leicht. Die ehemalige Leistungssportlerin schlägt ein atemraubendes Tempo an, sitzt trotzdem nur wenige Minuten im Ausschuss ehe ein Klingelton wie auf dem Schulpausenhof durch die Hallen und Flure des Parlamentgebäudes schrillt. 11.30 Wir: Das ist die Zeit der Abstimmung.

Akkord-Abstimmung
Akten wieder in den Rollkoffer gestopft, raus in die engen Gänge und im Stechschritt Richtung Plenum. Wer alle Abgeordneten auf einen Schlag sehen will, der muss zur Abstimmung. Im Akkord werden die Finger in die Höhe gestreckt, ein Gesetz nach dem anderen verabschiedet - oder abgelehnt. Monate- oft jahrelange Arbeit findet in Sekunden ihren Abschluss. Heute geht es vor allem um den Haushalt. Eine Stunde lang heben und senken sich die Finger, dann werden wieder aktuelle Themen vorberaten, stimmen sich zuerst die elf CSU-Abgeordneten in einer internen Sitzung und danach die 49 CSU-und CDU-Abgeordneten ab. Es folgt eine Fraktionssitzung, an der heute Gäste aus Unterfranken teilnehmen. Die Landräte und Landrätinnen sind eine der Besuchergruppen, die sich für mehr interessieren, als die architektonischen Finessen des Parlaments. Sie wollen Antworten auf brennende Fragen in ihrer Heimat, sprechen die Genmais-Problematik an, die FFH-Richtlinie, Bauleitplanungen und Förderwege.

 

Rund 80 Besuchergruppen heißt die Europaabgeordnete Jahr für Jahr in Straßburg willkommen. Neben Bürgern aus ihrem Wahlkreis informieren sich auch politische Mandatsträger über ihre Arbeit - wie die unterfränkischen Landräte mitsamt Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer.

„Ich verstehe mich als Anwältin der Region", sagt die Juristin Dr. Weisgerber. Entsprechend ernst nimmt sie die Anregungen der unterfränkischen Landräte, entsprechend voll ist ihr Notizblock, als die Nacht langsam über dem Parlamentskomplex hereinbricht. Feierabend? Von wegen. Europaminister Markus Söder ist in Straßburg, hat die CSU-Abgeordneten zu einem Arbeitsessen eingeladen. Bei Elsässer Wein und Fisch aus dem Atlantik drehen sich die Gespräche um Europapolitik, die bayerische Staatsregierung, die kommenden Landtagswahlen. Dr. Weisgerber bleibt beim Wasser, die Tonkrüge mit Wein reicht sie weiter.
22.45 Uhr: Ein ganz normaler Arbeitstag in Straßburg neigt sich dem Ende zu. „Ich komme eigentlich immer zu Beckmann oder Kerner heim", erklärt sie ohne erkennbares Bedauern, schnappt sich den Rollkoffer und macht sich auf den Weg ins Hotel. Morgen ist ein neuer Tag, ein wichtiger Tag für die zweitjüngste Abgeordnete in Straßburg. Sie will gut vorbereitet sein - wie immer,
„Als junge Abgeordnete muss man mit Know-How überzeugen", weiß sie. An Selbstvertrauen mangelt es ihr nach vier Jahren in Brüssel und Straßburg nicht. „Ich bin dafür bekannt, immer gut informiert zu sein", sagt sie. Dafür hat sie ihre eigene Strategie entwickelt. Landet ein neues Papier der Kommissionsbeamten auf ihrem Tisch, schaltet sie nicht nur ihre eigenen, insgesamt vier Mitarbeiter sowie neutrale Büros ein, sondern bringt auch die unterschiedlichsten Interessensvertreter an einen Tisch. Lobbyisten von Industrieunternehmen tauschen sich beispielsweise mit Umweltschützern aus - und die 32-Jährige kann sich eine erste eigene Meinung bilden, die sie in die weiteren Diskussionen in den Ausschüssen einbringt. Die laufen bei 785 Abgeordneten aus 27 Ländern immer auf einen Kompromiss hinaus. Ihr Ziel hat Dr. Weisgerber dabei klar vor Augen: So viel eigene Position wie nur möglich in den Kompromiss einbringen - und dabei ist Geduld eine wichtige Tugend.
Sieben Jahre hat sie sich etwa mit wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen beschäftigt. Schon als Leiterin des Arbeitskreises Umwelt der Jungen Union in Bayern hatte sie Kontakt mit deutschen Autoherstellern aufgenommen. Am Mittwochmorgen dann ein Etappenziel. BMW-Vorstandsvorsitzender Dr. Norbert Reithofer überreicht vor dem Haupteingang zum Parlament einen „Hydrogen-7er" an den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering. Mittendrin ihr Blitzlicht der internationalen Pressefotografen und vor laufenden Kameras: Die Abgeordnete aus Schwebheim, die auch diese Herausforderung meistert: Auf Knopfdruck lächeln, die richtige Position einnehmen. Posing für die Fotografen. „Das war schon ein wichtiger Termin", gesteht sie später, als die Anspannung gewichen ist. Ihr Ziel ist in greifbare Nähe gerückt: Die Genehmigungsvorschriften von Kraftfahrzeugen mit Wasserstoffantrieb sollen europaweit harmonisiert werden. Ihren Bericht hat Dr. Weisgerber vorgelegt, Anfang 2009 könnte die Verordnung in Kraft treten.
Zeit, diesen Erfolg zu genießen, bleibt aber nicht, Dr. Anja Weisgerber spurtet los, die unterfränkischen Landräte diskutieren schon mit dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Günter Verheugen. Ihren Rollkoffer darf diesmal ihr Mitarbeiter Stefan Solle ziehen. Ohne den Koffer kommt die ehemalige Tennisspielerin schneller durch die Sicherheitskontrollen. Die Zeit ist knapp - und Dr. Anja Weisgerber hat noch viel vor.

von Ralf Dieter

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