Zucker mit bitterem Geschmack

Haßfurter Tagblatt

Angst um Existenz und Arbeitsplätze – Rübenanbauern macht EU-Reform Sorgen
Hassfurt: Eigentlich hätten die Zuckerrübenbauern im Heimatkreis ja Grund zur Freude gehabt: In den letzten Wochen haben sie eine reiche Ernte eingefahren, "es war ein sehr gutes Jahr", sagen die Landwirte. Doch statt Zufriedenheit machen sich Sorgen breit: Die Europäische Union will die Rübenpreise und die Anbaumengen drastisch senken. "Damit steht der Zuckerrübenanbau bei uns langfristig vor dem Aus" zeichnet Tino Scheithauer, Geschäftsführer des Maschinenrings Haßberge, ein düsteres Bild. Düster vor allem deswegen, weil für viele Bauern gerade im Maintal der Anbau der Zuckerrübe der Haupteinkommenszweig ist, wie Helmut Grell vom Landwirtschaftsamt Hofheim ausführt. Auf insgesamt 1200 Hektar wird im Heimatkreis die "süße" Feldfrucht angebaut, 22.000 Hektar bayernweit. In normalen Jahren können von den Äckern um Zeil oder Haßfurt herum 600 bis 700 Doppelzentner eingefahren werden, in guten Jahren wie in dieser Saison noch deutlich mehr. "Viele Jahre war das eine schöne Sache mit den Zuckerrüben, da haben wir schon gute Einnahmen gehabt", erinnert sich der Riedbacher Bürgermeister Theo Diem an bessere Zeiten. Sechs bis sieben Hektar Rüben pro Jahr hat er angebaut, inzwischen haben seine Söhne den Hof übernommen. Doch schon mit dem Aus für die Zeiler Zuckerfabrik lohnte sich das Geschäft für manche Bauern nicht mehr. Denn bekamen sie früher den Transport nach Zeil bezahlt, müssen sie jetzt für die Fracht selbst aufkommen. Heute gehen die Rüben aus dem Heimatkreis per LKW größtenteils nach Ochsenfurt, aus dem Ebener Raum wird nach Regensburg gefahren, ein kleiner Rest kommt zur Zuckerfabrik ins hessische Wabern. Die Veränderungen, die jetzt kommen, dürfe man nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagt Theo Diem. Es stünden viele Existenzen auf dem Spiel, "da geht es auch um Arbeitsplätze" – nicht nur im Heimatkreis, sondern in ganz Unterfranken. "Und das, wo doch der Rübenanbau eine so wichtige Säule für unsere Landwirtschaft ist", seufzt das Riedbacher Gemeindeoberhaupt. Der Bayerische Bauernverband spricht von 14.000 Anbaubetrieben und 30.000 Arbeitsplätzen in der Zuckerwirtschaft einschließlich vor- und nachgelagerten Bereichen, die im Freistaat gefährdet sind.
Welcher Art das Damokles-Schwert ist, das über den Landwirten schwebt, erläutert Dr. Klaus Ziegler, Geschäftsführer des Verbandes fränkischer Zuckerrübenanbauer (Eibelstadt), dem Tagblatt. Seit Juli dieses Jahres liege ein Vorschlag der EU-Kommission vor, den Preis für die Zuckerrüben in einem ersten Schritt um 25 Prozent und ab 2007 in einer zweiten Stufe um weitere 12 Prozent – insgesamt also 37 Prozent – zu senken und die Anbauquote um 16 Prozent zurückzufahren. Die Gründe hierfür seien externer Natur, erklärt der Agraringenieur. Die EU sei eingebunden in die Welthandelsorganisation WTO, von der aus auf Europa gerade im Agrarsektor immer wieder Druck gemacht werde, Zölle und Außenschutz abzubauen und den Handel insgesamt zu liberalisieren. Zudem habe sich die Europäische Union aus freien Stücken verpflichtet, den 49 ärmsten Ländern der Erde (so genannte LDC-Staaten = low developed countries) ab 2009 alle Waren außer Waffen zollfrei abzunehmen. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass Länder wie Brasilien dann in diese LDC-Länder Rohzucker exportieren, der dann eins zu eins an die EU weitergereicht wird – oder sie bauen dort gleich Zuckerfabriken, sagt Zielger voraus. Brasilien ist mit einer Jahresproduktion von 27,7 Millionen Tonnen (geschätzt für 2003/04) weltgrößter Zuckerproduzent, gefolgt von der EU (19,4), Indien (15,1) und China (10,9). Die Weltproduktion liegt bei rund 144 Millionen Tonnen. Diese Daten stammen vom Pressedienst des Bayerischen Bauernverbandes.
Um solche Bestrebungen unrentabel zu machen und um auf den Druck der WTO zu reagieren, setzt die EU darauf, die Erzeugung auf dem heimischen Markt billiger zu gestalten, ein Ansinnen, für das man auch beim Verband für Zuckerrübenanbauer Verständnis hat. Doch die Einschnitte beim Preis sind Ziegler entschieden zu hoch: "Für eine Tonne A-Rüben bekommen Sie rund 50 Euro, für B-Rüben 30 Euro und für den C-Zucker etwa 15 Euro, doch die Erzeugungskosten pro Tonne gehen Richtung 30 Euro", rechnet der Agrarwissenschaftler vor. Rechne man die drohende Preissenkung von 37 Prozent mit ein, verbleibe selbst bei den A-Rüben kaum Gewinn. In die Kategorie A-Rüben fällt jene produzierte Menge, die grob dem tatsächlichen Zuckerverbrauch in den Mitgliedsstaaten der EU entspricht. Was darüber hinaus produziert wird, wird zu B-Rüben "degradiert", der noch billigere C-Zucker ist für den Weltmarkt bestimmt. "Das sind die so genannten Herrgottsrüben, die in guten Jahren einfach dazukommen und die die Bauern natürlich gerne mitnehmen", klärt Dr. Ziegler auf. Sein Kompromissvorschlag an die EU: "Wir können eine Preissenkung von maximal 25 Prozent hinnehmen". Auch in Sachen Quotenmengen erhoffe man sich noch deutliche Nachbesserungen, fordert der Verbandsgeschäftsführer. Ebenso wie der Preis ist auch die Menge des produzierten Zuckers in der Zuckermarktordnung der EU geregelt, sie orientiert sich am tatsächlichen Verbrauch. Die EU vergibt Kontingente an ihre Mitgliedsstaaten, deren Regierungen sie auf Zuckerunternehmen verteilen. Und diese wiederum rechnen ihre Anteile an fertigem Zucker in Zuckerrüben-Mengen um und reichen die Kontingenten an die landwirtschaftlichen Betriebe weiter. Im süddeutschen Raum sei es üblich, dass die Bauern Anteilscheine an den Zuckerfabriken besitzen, die mit der Liefermenge gekoppelt sind: "Da sind die Bauern jetzt doppelt betroffen, sie verlieren am Wert ihrer Anteile und an der Wertigkeit ihrer Rüben".
Als Anwältin der heimischen Landwirte und Zuckerindustrie macht sich derweil die Europaabgeordnete Dr. Anja Weisgerber stark. "Ich versichere, dass wir wirklich alles dafür tun, damit die Quoten verändert werden", sagte die Schweinfurter CSU-Politikerin der Heimatzeitung. Zwar sei klar, dass die Zuckerreform komme, doch in der jetzigen Form gehe das viel zu weit, so Weisgerber, die von 6300 vom Zucker abhängigen Arbeitsplätzen in Unterfranken spricht, von denen die Hälfte in Gefahr sei. Als ersten Erfolg aus Sicht der Landwirte wertet sie, dass nun die Reform "zu 99 Prozent" auf das Jahr 2006 verschoben sei. Ihr Bemühen sei es nun, so die junge Parlamentarierin, Vertreter der Landwirtschaft und Zuckerindustrie nach Brüssel zu holen, und in Kontakt mit der EU-Kommission zu bringen. "Ich will, dass sie dort ihre Anliegen selbst vortragen können", sagte Weisgerber. Ferner kündigte die Abgeordnete Ausgleichszahlungen für die Landwirte an; es müsse geregelt werden, wie diese Zahlungen aussehen, damit sie auch dort ankommen, wo Zuckerrübenanbauer tatsächlich Einkommensverluste hinnehmen."
Darüber hinaus könne über das Parlament nicht viel erreicht werden, solange die EU-Verfassung nicht in Kraft tritt. Denn in Sachen Landwirtschaft entscheidet bis dato allein der EU-Rat. "Und da müssen die Betroffenen halt Druck auf die Ministerin Künast machen".
"Unser Rübenland brennt"
Ein wenig Druck auf die Verantwortlichen in Brüssel und Straßburg wollen die Rübenbauern im Heimatkreis am kommenden Montag bei Hainert ausüben: Sie planen – wie ihre Kollegen überall in Unterfranken – gegen 15 Uhr eine Mahnaktion unter dem Motto "Unser Rübenland brennt", um auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen. Was genau ablaufen soll, stehe noch nicht fest, räumte Tino Scheithauer vom Maschinenring ein. Auf jeden Fall wolle man aber darüber aufklären, dass die Reform in der jetzigen Form jedem Bauern rund 1000 Euro Einbußen pro Hektar Zuckerrübenfläche beschere. "Und wir wollen auch irgendwie zeigen, wer der eigentliche Nutznießer des ganzen ist: Die Zuckerbarone in Brasilien und in all den anderen Staaten, wo zu niedrigsten Sozial- und Umweltstandards produziert wird."
Und der deutsche Otto-Normal-Verbraucher? Käme dem der niedrigere Zuckerpreis nicht auch zugute? Nein, behauptet Dr. Klaus Ziegler. "Das ist so wie beim Mehl und dem Brötchen. Die Brötchenpreise sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während der Preis fürs Mehl in den Keller gefallen ist."

23. - 27.11.2020
Sitzungswoche des Deutschen Bundestages in Berlin
27.11.2020
Videokonferenz FU Landesvorstand Bayern

Politik in Bildern